Rock und Rollen

An einem sonnigen Tag einfach mal raus auf’s Rad und eine Runde drehen, ohne viel Nachdenken und Überlegen. So einfach haben wir es heute. Als das Fahrrad aber noch jung war, war das Ausfahren keine so selbstverständliche Angelegenheit. Neben vielen anderen Dingen unterscheidet eines frühere und heutige Radfahrer sehr deutlich: die Kleidung. Während heute alle erdenklichen Personen auf Rädern gesehen werden – vom Kind in Fußballtrikot zum Bankier mit Anzug und Krawatte – gab es früher ganz bestimmte Vorstellungen, wie man auszusehen hatte, wenn man auf ein Rad steigen wollte.

Von der Reitkleidung zum Drahtesel-Chic
Fahrradkleidung_01Zu Beginn der Geschichte des Fahrrads legte man beim Fahren einer Laufmaschine (oder „Draisine“) Reitkleidung an. Zum modischen Posieren mit dem Rad trug man auch mal Gehrock und Zylinder, was zum Fahren jedoch wenig geeignet war. Allmählich entwickelte sich, den Bedürfnissen der Radfahrer entsprechend, zweckmäßige und funktionale Mode: Man trug nun relativ weit gehaltene Kniehosen und Jacketts, um sich ungehindert bewegen zu können. Besonders für den Sommer wurden breitkrempige Hüte und Schirmmützen beliebt, um die Sonne von den Augen fernzuhalten. Unterkleider aus Wolle oder Baumwolle sollten eine Erkältung durch verschwitzte Kleidung verhindern. Verschiedene Ratgeber aus der Zeit um die Jahrhundertwende führen genau auf, warum welche Kleidung zu tragen ist.

Unbequeme Notlösungen
Die wohl größte Veränderung, die das Radfahren in der Welt der Bekleidung mit sich brachte, hatte weitreichende Folgen: Frauen in Hosen. Doch bis es soweit war, musste einiges geschehen. Zu Beginn versuchte man, Fahrräder so anzupassen, dass sie für Frauen in den damals modernen langen Röcken ebenfalls bequem würden. Meist ergab dies jedoch nur unbequeme, asymmetrische Konstruktionen, die mit der Funktionalität der Herrenräder nicht mithalten konnten. Neben Rädern mit abgesenktem Rahmen und Hochrädern mit verändertem Sitz ersannen die Fahrzeugbauer völlig neue Modelle. Doch weder Dreiräder noch Zweiräder, bei denen die Fahrerin zwischen den seitlich positionierten Rädern sitzt, konnten das Fahrrad gänzlich ersetzen.

Die Dame und das Rad
Passende Kleidung wurde spätestens dann notwendig, als die Frauen sich den Radsport zueigen machten. Viele griffen kurzerhand zur Hose – ganze Bewegungen etablierten sich, die die Frau in Hosen in der Gesellschaft etablieren wollten. Fahrradkleidung_02 Doch besonders die Angst um ihren guten Ruf hielt viele Frauen davon ab, in die Pluderhose zu steigen (unter anderem, weil der Schnitt oft viel Bein zeigte). So entwickelten sich mit der Zeit verschiedenste Mischformen zwischen Hosen und Röcken: Hosenröcke, Pluderhosen, Hosen mit Rock darüber, und, und, und.
Auch in anderen Bereichen war die Fahrradkleidung von alltäglichen Konventionen beeinflusst. Der unschicklichen Sonnenbräune wurde nicht selten durch Sonnenschirme, Schleier oder breite Hüte auf dem Rad entgegengewirkt. Ein weit größeres Problem stellten die üblichen Korsetts dar, die bequemes Fahren beinahe unmöglich machten. Erst als das Radfahren sich in der Gesellschaft durchsetzte, wurde auch das Korsett mit seinen lange bekannten Gesundheitsrisiken aus dem Alltag verbannt.

Heute ist von diesen Problemen wenig geblieben. Als das Fahrrad zum Massenprodukt wurde, verschwand das „typische“ Radfahreroutfit nach und nach. Doch letzte Spuren des Kampfes um die richtige Bekleidung auf dem Rad spiegeln sich heute noch in der Bauform der Räder wieder: Tiefe Rahmen bleiben bei Damenrädern führend und erinnern noch an die Zeiten, in denen Frauen in Röcken auf Rädern saßen.